Freitag, 6. März 2009

Der Beruf des Seifensieders 1789



Kürzlich geriet durch einen Scanauftrag, den ich ausführen sollte, zufällig dieses alte Buch in meine Finger:



Sechzig eröfnete
Werkstätteder gemeinnützigsten Künste
und
Handwerke
für junge Leute
zur Auswahl ihres künftigen Nahrungsstandes.
Mit sechzig jede Kunst, jedes Handwerk deutlich erklärenden Kupferstichen.
bei Joseph Edlen von Kurzbeck,
kaiserl. königl. Hofbuchdruckers, Groß- und Buchhändlers

1789

aus dem Bestand der
Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
Signatur: DD 2003 A 226


Der Nutzer benötigte allerdings nur die Kapitel über die Buchdruckkunst. Ich blätterte weiter, und siehe da....es enthält auch ein Kapitel über den Beruf des Seifensieders, das ich euch nicht vorenthalten möchte.


Der Seifensieder

Seife zu sieden, ist eine bekannte Wissenschaft; denn viele Hausfrauen machen sich die Seife, die sie zu ihren Wäschen brauchen, selbst; es geben sich auch viel Metzger mit dem Seifesieden ab, und an manchen Orten wählen Leute, die entweder keinen gemeinnützigen Beruf haben oder treiben wollen, oder bei ihrem ehemaligen Gewerbe nicht mehr fortkommen können, das Geschäfte, Seife zu sieden und Lichter zu ziehen. Die Seifensieder sind daher auch nicht aller Orten zünftig; und in manchen Städten wird nur ein gewisses Geld an die Obrigkeit für die Freiheit, Seife zu sieden und Lichter zu ziehen, sie öffentlich zu verkaufen und Märkte damit zu bauen, erlegt; dieß nennet

man in Schweinfurt Pragnerei, und kostet 10 fl. frkl. - Dem ungeachtet ist es doch eine wirkliche Kunst, gute Seife zu machen, und gelernte Seifensieder thun, wie billig, mit ihrer Wissenschaft und den oft durch kostspielige Erfahrungen erlernten handwerks-vortheilen sehr geheim, weil es der Pfuscher gar zu viele giebt, die ihnen ihre Nahrung schmälern.
Es ensteht aber die Seife durch Mischung aus Fett und einem Alkali, welches den Schmutz von andern Körpern wegnimmt. Indessen gibt es gar vielerlei Arten von Seifen im gemeinen Leben, ohne derer zu gedenken, die in der Arznei- und Scheidekunst bekannt sind.
Man hat insonderheit zweierlei Seifen, weiche und feste (trockne); zu ersterer Art gehöret die weisse Neapolitanerseife, deren Verfestigung aber ein Geheimniß ist; die schwarze, welche man in England und Holland macht; und die grüne, die eben daher kommt, nun aber auch in Teuschland nachgemacht wird. Die Neapolitanerseife ist eine Erfindung des Luxus, und wird zu Bartseife, zum Parfürmiren u.s.f. verwendet.
Die schwarze und grüne Seife wird von Wollenarbeitern gebraucht, um die Wolle von dem Fette dadurch zu reinigen, riecht aber übel, weil man nur schlechte Oele dazu nimmt, nämlich zur grünen Hanföl, und zur schwarzen Rüböl. Zur schlechtesten Seife dieser Art braucht man Thran, welches in Holland häufig geschiehet, in Frankreich aber verboten ist; in Brabant müssen so gar die Seifensieder schwören, ihn nie zu brauchen.
Die beste trockne oder feste Seife wird aus dem reinsten Sodesalze und den schönsten Baum- oder Mandelöle verfertigt; dahin gehöret die Venezianische, die Alikantische und die von Marseille.
In Teutschland macht man die meiste gemeine weisse oder gelbbraune Seife aus Aschenlauge, ungelöschtem Kalke, und Talg oder Unschlitt. Sind diese Dinge untereinander gemischt, so kocht man sie in einem kupfernen Kessel, scheidet sie durch Kochsalz, und gießt sie in hölzerne Formen. In diesen last man sie erkalten und fest werden; worauf man sie mit einem Messingdrathe in länglich viereckige Stücke zerschneidet, kreuzweis übereinander stellet, und zur DSommerszeit in freier Luft, im Winter aber in einer geheizten Stube trocknet.
Die Materialien des Seifensieders sind: 1) Talg oder Unschlitt; der frische Talg gibt nicht reichlich aus, als der alte schmierige: daher spündet er den frischen in Tonnen ein, und läst ihn eine Zeitlang liegen, daß er anziehe; als dann gibt er, wie der alte, eine marmorierte Seife, die sonst nicht hervorgebracht werden kann. Der Talg darf aber nicht gesalzen seyn, sonst hat der Seifensieder grossen Schaden.

2) Asche, wie man sie bekommen kann; am besten ist die Asche von Weißbüchenholz, aber die Asche von Lohkäsen oder von verbrannter Rothgerberlohe verdirbt einen ganzen Sud.
3) Wasser. Je weicher und fauler dieses ist, desto besser wird die Lauge; am besten schickt sich hierzu das stehende Sumpf- See- und Regenwasser.
4) Kalk. Er muß ungelöscht seyn; auch hier kommt es auf Versuche an, ob der Kalk tauge oder nicht.
5) Salz. In Teutschland braucht man hiezu das gewöhnliche Kochsalz.

Alle diese Materialien muß der Seifensieder gut zu mischen und die redhte Proportion zu treffen wissen; sonst ist Mühe, Aufwand und Arbeit verlohren. Zur Lauge nimmt er Holzasche und Steinkalk; beides schüttet er in den Aescher, einen großen Bottig oder Kufe, auf dessen Boden Latten, und auf diesen durchlöcherte mit Stroh bedeckte Bretter liegen, wodurch alle Unreinigkeiten abgehalten werden.
Ist die Lauge gut, so muß sie fast wie Brantewein riechen, und beinahe wie ein Oel aussehen, auch so stark seyn, daß ein tropfen davon, wie Scheidewasser, brennt; wie man denn durch diese Lauge mit gehöriger Vorsicht Wazen im gesichte undan den Händen wegbeitzen oder vertreiben kann.
Die mit Kalk vermischte Asche steht in dem Aescher 24 Stunden lang; danngießt der Seifensieder kaltes Wasser auf, und füllet damit den Aescher an. Dieses Wasser dringt lamgsam durch die Masse; löset die Salztheilchen auf, und läuft durch den messingenen Hahn als Lauge in den Sumpf, ein in die Erde gegrabenes Faß, woraus er sie mit großen Schupen oder Schöpflöffeln in den Kessel schöpft. Dieser gleicht einem abgekürzten Kegel, und ist nach der Seife, die gesotten werden soll, grösser oder kleiner. Auf dem Rande des kessels stehet ein Sturz, oder Faß ohne Boden um das Ueberlaufen der Seife, die im Sieden sehr steigt, zu verhüten. In die Lauge wird der zerstückte Talg geworfen, und das Feuer unter dem Kessel angeschürt. Wenn beides anfängt zu sieden, so wird das Koch- oder Küchensalz hineingethan, Einige Seifensieder lösen es vorher in warmen Wasser auf; andere unterlassen dieses, und thun das Salz ganz trocken in den
Kessel. Bis nun alles zum Sieden kommt, wird das Feuer unter dem Kessel gehörig unterhalten, die ganze Masse öfters umgerührt, und die Seife 8 bis 9 Stunden gekocht.
Darauf seiget der Seifensieder die Seife, die nun schon wie eine Gallerte aussiehet, vermittel eines ausgespannten Stücks Leindwand in das Kühlfaß durch, bringet sie nochmals in den Kessel; läst sie wieder einige Stunden kochen, bringt sie von neuen in das Kühlfaß, und zapft die Lauge (Seifensiederlauge, Mutterlauge), durch das Zapfenloch ab. Die Seife wird nach einiger Abkühlung im Kühlfasse in die Form, einen vier-


eckigen hölzernen Kasten gethan; wo sie völlig erkaltet und alle zurückgebliebene Lauge vollends abfließt. Darauf wird die Form geöfnet, die ganze Seifenmasse, wie schon gedacht, zerschnitten, aufgeschichtet, getrocknet verkauft und zum Gebrauche in der Haushaltung u.s.f. aufgehoben.
Die Probe einer gutgerathenen Seife besteht darinnen, daß der Seifensieder ein sehr kleines Stückchen auf glühende Kohlen wirft; welches nicht dampfen, noch viel weni- ger einen üblen Geruch von sich geben darf, sondern sogleich verbrennen und unmerklich verfliegen muß.
Gute Seife darf überhaupt keinen laugenhaften Geschmack haben, und an der Luft nicht zerflissen; sondern muß sich im Wasser ganz, ohne Trennung des Fettes auflösen. Schlechte Seife verräth sich dadurch, daß sie wenig oder gar nicht schäume, schmierig ist, sichtbare Kalkbrocken enthält, u.s.w.
Man zerschneidet die Seife nicht allein in viereckige Stücke, sondern formet sie auch zu Seifenkugeln, womit jeder Barbier umzugehen weiß. Wohlriechende Seife entsteht durch Zusatz von wohlriechendem Oele oder Wasser: Schwammseife aber, wenn gute weisse Seife in Kochsalzlauge bei gelndem Feuer geschmolzen und derstalt ge- rühret wird, daß man viele Luft hinein bringt.
Manche Seifensieder machen Fleckenkugeln, wodurch man Oel- Fett- und andere Flecken aus Zeugen und Tüchern wegbringen kann, ohne daß dadurch die Farbe derselben verändert wird. Ingleichen gibt es Seifenspiritus, der zum Waschen der Haut; auch statt der Sartseife, und der Fleckenkugeln, gebraucht wird.
Zünftige Seifensieder erlernen ihr geschenktes Handwerk in 3 bis 6 Jahren, und machen zum Meisterstücke einen Sud bunter Seife.

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Lesetipp:

Seifenherstellung im Mittelalter

Kommentare:

Frau Sauber hat gesagt…

Danke, Claudia, für Deine Mühe! Es ist beruhigend, zu lesen, dass selbst die heutigen Probleme nix neues sind...

Liebe Grüße, Barbara

Traumschaumseife hat gesagt…

...und wie beängstigend, feststellen zu müssen, dass sie noch immer nicht gelöst wurden......

Liebe Grüße zurück

Rügener Inselseifen News hat gesagt…

Sehr interessant, vielen Dank für die Mühe. Gibt doch viele Bezüge zur heutigen Zeit und damals wie heute gab es Nassauer und schwarze Schafe und die Obrigkeit hielt und hält schon immer die Hand, nein den Sack, auf.
Schönes WE
Anke

madpiano hat gesagt…

danke, das war wirklich interessant - hmmm faules Wasser...vielleicht sollte ich nicht immer das Aquarium Wasser zum Giessen verwenden sondern zum Seifen Machen ;-))